Folgendes Video, welches auf twitter gerade die Runde macht, habe ich mir mittlerweile bestimmt zehnmal angesehen:
Ich versuche es einmal aus einem neutralen Standpunkt zu schildern und wirklich nur das zu verarbeiten, was in diesem Video zu sehen ist.
Fehlverhalten kann ich dort bei nur zwei Polizisten unmittelbar erkennen: und zwar bei dem Herren mit der fleischfarbenen Badekappe gleich zu beginn. Einsatz eines Schlagstocks ist zwar zum Selbstschutz legitim, allerdings hatte er noch ausreichend Kollegen, die sich um ihn herum bewegten und die kamen auch ohne ihren Prügel aus. Aber wie man in dieser Situation zugeben muss, wurde die Gruppe der Polizisten zu diesem Zeitpunkt von einigen Demonstranten bedrängt.
Der zweite Stein des Anstoß ist ab Sekunde 00:50 zu sehen: Eine Gruppe sich zurückziehender Polizisten wird ebenfalls von nachrückenden Demonstranten bedrängt. Während einige seiner Kollegen Pfefferspray nur mäßig gezielt als Warnung in Richtung skandierender Menge spritzen, richtete er eine volle Konzentration Pfefferspray auf einen eher Unbeteiligten, der völlig allein und ohne erkennbare Waffen von der Gruppe der Beamten stand.
Okay, Fragwürdig erscheint der Einsatz des Wasserwerfers. Zumindest in dem Abschnitt, der im Video zu sehen ist. Von einer Gefahrenlage der Beamten ist dort eigentlich nichts zu erkennen.
Kein Fehlverhalten kann ich bei der im Video gezeigten Räumung des Materialwagens erkennen.
Offen bleibt, was die Ursache für den am Boden liegenden Demonstranten ist; zu sehen ab ca. Minute 3:00. im Video hörbare Kommentare umherstehender Demonstranten machen die Polizei dafür Verantwortlich, was wohl auch naheliegt. Allerdings ist das vorhergehende Geschehen im Video nicht zu sehen.
Eigentlich ein altes Phänomen, jedenfalls nichts wirklich neues. Selbst in den Postillen eine Stilblüte, um leere Seiten und Spalten zu füllen — seit Dekaden. Seitdem auch Otto Normalbürger, sowie Hinz und Kunz und nicht zuletzt auch Lieschen Müller relativ problemlos in der Öffentlichkeit publizieren dürfen und können (Danke, Internet!), legte diese Unsitte auch bei Nicht-Berufs-Schreibern in der Vergangenheit unlängst an Popularität zu.
Warum? Nun, weil es vermutlich so schön einfach ist, einfach einmal gepflegt nachzutreten. Auf den Zug aufzuspringen erfordert erheblich weniger Gehirnschmalz als den Selbigen zu führen. Dabei sinkt das Niveau auch gerne einmal ins Bodenlose. Und wie sehr sich einige „Nutzer“ dabei selbst in die Nesseln setzen, merken sie bisweilen selten bis gar nicht. Facebook und Twitter sind als Ablassventil ungemein populär, da sich auch in 140 bis 300 Zeichen der eigene geistige Dünnpfiff zu einem ohnehin bereits ausgefransten, breitgetretenen Thema kundtuen lässt. Zudem lässt der begrenzte Platz im Gegensatz zum Artikel bisweilen keinen Raum für Begründungen; wie ungemein praktisch. Aber auch wer mehr Platz zur Verfügung hat, feilt häufig nicht lang am überflüssigen Trallala — schließlich leben wir in einer Demokratie und da gehört Meinungsfreiheit zu den Grundrechten. Von Begründen steht da nichts.
Berufs– und Hobby-Zynikertum, also das professionelle bzw. in der Freizeit betriebene „alles durch den Dreck ziehen“ was einem gerade vor die Flinte kommt oder ohnehin im Moment angesagt ist, scheint ungeahntes Potenzial geweckt zu haben. Es gibt Schreiberlinge, die bei einer guten Vermarktung ihrer geistigen Ergüsse vermutlich davon Leben könnten. Und so frönen sie ihrem Hobby, teils schon seit Jahren und unter schwankendem Niveau. Häufig unter Auslassung jedes Sachgrunds und Anstands, aber da war ja noch diese Sache mit der Meinungsfreiheit und Demokratie. Bei jenen, die wirklich davon Leben, sieht es eigentlich auch nicht besser aus. In der Regel haben die sogar noch die besseren Druckmittel und nennen sich die vierte Gewalt.
Diejenigen, die den über sie hereinbrechenden Scheißesturm mehr oder manchmal auch weniger verdient haben, kämpfen nach erfolgter Annotation der Zyniker durch den mobile vulgus in aller Regel mit ihren Rechtsbeiständen gegen Windmühlen: also erfolglos und letztendlich ergeben sie sich ihrem Schicksal.
Max Goldt schrieb vom Jungmänner-Zynismus, einer Eigenschaft, die man laut Goldt bis spätestens zum 30. Lebensjahr abgelegt haben sollte, um nicht dauerhaft davon, bis in seinen Tod hinein getrieben zu werden. Leider haben viele diese magische Grenze noch nicht erreicht oder bereits überschritten und hadern chronisch mit ihrem Leiden.
Frisch kommentiertes