Über das generelle Nachtreten
Posted: Juni 25th, 2010 | Author: Tobias | Filed under: Auf dem Rummel, Seelsorge | Tags: shitstorm, zyniker | 5 Comments »Eigentlich ein altes Phänomen, jedenfalls nichts wirklich neues. Selbst in den Postillen eine Stilblüte, um leere Seiten und Spalten zu füllen — seit Dekaden. Seitdem auch Otto Normalbürger, sowie Hinz und Kunz und nicht zuletzt auch Lieschen Müller relativ problemlos in der Öffentlichkeit publizieren dürfen und können (Danke, Internet!), legte diese Unsitte auch bei Nicht-Berufs-Schreibern in der Vergangenheit unlängst an Popularität zu.
Warum? Nun, weil es vermutlich so schön einfach ist, einfach einmal gepflegt nachzutreten. Auf den Zug aufzuspringen erfordert erheblich weniger Gehirnschmalz als den Selbigen zu führen. Dabei sinkt das Niveau auch gerne einmal ins Bodenlose. Und wie sehr sich einige „Nutzer“ dabei selbst in die Nesseln setzen, merken sie bisweilen selten bis gar nicht. Facebook und Twitter sind als Ablassventil ungemein populär, da sich auch in 140 bis 300 Zeichen der eigene geistige Dünnpfiff zu einem ohnehin bereits ausgefransten, breitgetretenen Thema kundtuen lässt. Zudem lässt der begrenzte Platz im Gegensatz zum Artikel bisweilen keinen Raum für Begründungen; wie ungemein praktisch. Aber auch wer mehr Platz zur Verfügung hat, feilt häufig nicht lang am überflüssigen Trallala — schließlich leben wir in einer Demokratie und da gehört Meinungsfreiheit zu den Grundrechten. Von Begründen steht da nichts.
Berufs– und Hobby-Zynikertum, also das professionelle bzw. in der Freizeit betriebene „alles durch den Dreck ziehen“ was einem gerade vor die Flinte kommt oder ohnehin im Moment angesagt ist, scheint ungeahntes Potenzial geweckt zu haben. Es gibt Schreiberlinge, die bei einer guten Vermarktung ihrer geistigen Ergüsse vermutlich davon Leben könnten. Und so frönen sie ihrem Hobby, teils schon seit Jahren und unter schwankendem Niveau. Häufig unter Auslassung jedes Sachgrunds und Anstands, aber da war ja noch diese Sache mit der Meinungsfreiheit und Demokratie. Bei jenen, die wirklich davon Leben, sieht es eigentlich auch nicht besser aus. In der Regel haben die sogar noch die besseren Druckmittel und nennen sich die vierte Gewalt.
Diejenigen, die den über sie hereinbrechenden Scheißesturm mehr oder manchmal auch weniger verdient haben, kämpfen nach erfolgter Annotation der Zyniker durch den mobile vulgus in aller Regel mit ihren Rechtsbeiständen gegen Windmühlen: also erfolglos und letztendlich ergeben sie sich ihrem Schicksal.
Max Goldt schrieb vom Jungmänner-Zynismus, einer Eigenschaft, die man laut Goldt bis spätestens zum 30. Lebensjahr abgelegt haben sollte, um nicht dauerhaft davon, bis in seinen Tod hinein getrieben zu werden. Leider haben viele diese magische Grenze noch nicht erreicht oder bereits überschritten und hadern chronisch mit ihrem Leiden.
Update: tristessedeluxe äußert sich zum aktuellen Geschehen zwischen faz.net und Ctrl-Verlust. Inhaltlich passt es gerade so schön zu diesem Thema.
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Frisch kommentiertes